Presseinformation zum 21. Kasseler Abfall-
und Bioenergieforum
Abfallforum in
Zahlen
Mit leicht gestiegenen Ausstellerzahlen (73)
und leicht gesunkenen Teilnehmerzahlen (1068)
behauptet sich das Kasseler Abfallforum als
zentrale Veranstaltung der Abfallwirtschaft im
europäischen Raum. Unter der Schirmherrschaft
des Bundesumweltministeriums und der
wissenschaftlichen Leitung von Professor Klaus
Wiemer (Universität Kassel) und Dr. Michael Kern
(Witzenhausen-Institut) stellen rund 1.000
Fachleute und achtzig Fachaussteller Fragen der
Abfallwirtschaft und der Bioenergienutzung in
den Mittelpunkt des dreitägigen Fachkongresses.
Rund 55 % der Teilnehmer kommen aus der
Wirtschaft, knapp 30 % aus öffentlichen
Einrichtungen sowie 15 % aus Wissenschaft und
Forschung. Veranstalter ist, wie in den
vergangenen Jahren, das Witzenhausen-Institut
für Abfall, Umwelt und Energie.
Abfallwirtschaft in schwerem Fahrwasser
Die Abfallwirtschaft ist verletzlicher
geworden, dabei lief alles so vielversprechend.
Urban Mining war angesagt, Entsorger wurden zu
Versorgern. Noch vor Jahresfrist wurde beim
Kasseler Abfallforum, hinter vorgehaltener Hand
kolportiert, in welchen Körperschaften schon
wieder über Nacht blaue Tonnen zur privaten
Altpapierverwertung aufgestellt worden waren.
Sie wurden aufgestellt, ob dies im Konsens oder
Dissens mit den Gebietskörperschaften geschah,
spielte eine untergeordnete Rolle. Letzten Endes
ging es um einen weitergehenden Anspruch des
Umweltschutzes in Verbindung mit zusätzlichen
Wertschöpfungspotenzialen. Blaue Tonnen waren
ausverkauft bis in den Juli hinein. Nur einige
weitsichtige kommunale Körperschaften hatten den
Trend erkannt und blaue Tonnen frühzeitig
geordert.
Der Wind hat sich gedreht. Aus
Gewinnern wurden Verlierer. Die Märkte brachen
zusammen. Untere Altpapiersorten und untere
Schrottsorten, für die vor einem Jahr noch mehr
als 100 Euro pro Tonne gezahlt wurden, rutschten
im Spätherbst des gleichen Jahres in den
Negativbereich. Buntmetalle, deren Wert sich
seit 2004 verdreifacht hatte, fielen binnen
Jahresfrist auf das Ausgangsniveau zurück,
teilweise lagen sie sogar darunter. Rohöl stieg
von unter 30 Dollar pro Barrel auf 145 Dollar
pro Barrel an, um dann wieder bei 35 Dollar zu
landen. Urban Mining wurde zum Kostenfaktor.
Dabei sah alles so vielversprechend aus. Die
Jahresmittelpreise des Rohöls hatten sich vom
Ende der neunziger Jahre bis 2008 verfünffacht.
Doch nun ist es anders gekommen. Die sich selbst
tragende Abfallwirtschaft, verbunden mit dem
Häuserkampf um wertgebende Abfälle, ist in weite
Ferne gerückt. Dabei sind Strukturen erkennbar
geworden, welche die heutige Abfallwirtschaft
in ihrer Kernfunktion betreffen.
Urban Mining
war zum unverzichtbaren Bestandteil moderner
Abfallwirtschaft geworden. Ohne
Kostensenkungspotenziale durch die
Sekundärrohstoffvermarktung waren wettbewerblich
tragfähige Preise nicht zu erzielen. Auch nicht
durch öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger.
Somit waren diese zwangsläufig zum
Marktteilnehmer internationaler Rohstoffmärkte
geworden. Doch ist dieses zulässig und so
gewünscht? Denn auf der anderen Seite wird das
Recht auf positive Wertschöpfung kommunaler
Einrichtungen, zumindest von deren
Wettbewerbern, in Frage gestellt. Und wie kommen
öffentliche Entsorgungsträger politisch mit
möglichen Verlusten zurecht?
Vieles spricht dafür, dass die Rohstoffpreise
wieder anziehen werden und dieses
möglicherweise deutlicher als in der
Vergangenheit. So viel Grundsätzliches hat sich
auf der Erde nicht geändert. Nach Schätzungen
der UNO werden auf diesem Globus im Jahr 2050
rund neun Milliarden Menschen leben. Das sind
rund fünfzig Prozent mehr als zum gegenwärtigen
Zeitpunkt. Indien wird in absehbarer Zeit, mit
1,7 Milliarden Menschen, China als
bevölkerungsreichstes Land der Erde überholt
haben. Indiens und Chinas prognostiziertes
Wirtschaftswachstum beträgt selbst am heutigen
Tag noch mehr als fünf Prozent.
Den im Verhältnis knappen Ressourcen geringer
Reichweite steht ein perspektivisch steigender
Rohstoffbedarf gegenüber. Der Baisse folgt die
Hausse. Vieles spricht dafür, dass die
Rohstoffpreise wieder anziehen werden und
dieses möglicherweise deutlicher als in der
Vergangenheit.
Wertschöpfung trifft Daseinsvorsorge. An
dieser Stelle ist Sprengstoff gegeben, welcher
die Verteilung der gesamten
Entsorgungsdienstleistung betrifft. Der Begriff
der Restmülltonne ist neu zu überdenken. In der
Novelle des Abfallgesetzes, welche im Rahmen der
Vorgabe der Europäischen Abfallrahmenrichtlinie
bis zum Dezember 2010 zu erfolgen hat, wird zu
dieser Fragestellung Position bezogen werden
müssen.
Schwerpunktaussagen
Ressourcen- und Klimaschutz stehen im
Mittelpunkt der Referate des Vormittags.
Mangelnde Rohstoffversorgung könnte zum
entscheidenden Standortfaktor der Industrie
werden und den Faktor Arbeit in seiner Bedeutung
an die zweite Stelle verschieben, so der
Vertreter des BDE. Der BDE fordert in diesem
Zusammenhang zur Umsetzung der Europäischen
Abfallrahmenrichtlinie ein nationales
Rohstoffgesetz zur Sicherung der Ressourcen.
Auch der Vorsitzende des
Sachverständigenrates für Umweltfragen,
Professor Faulstich, betont die Bedeutung der
Rohstoffversorgung und warnt vor der Endlichkeit
der Vorräte. Es sei bedenklich, dass mit
Abfällen auch Ressourcen das Land verließen.
Dabei wurden für eine Reihe von Ländern, wie
beispielsweise China bereits heute Exportverbote
für eine Reihe von Basis-metallen, wie
beispielsweise Kupfer, erlassen.
Die Produktverantwortung sei auszuweiten, so
Ministerialdirigent Dr. Jung vom Mainzer
Umweltministerium. Mit Elektronikschrott und
Altautos würde eine erhebliche Menge an
Rohstoffen das Land verlassen. Trotz
Abwrackprämie würden mehr als 60 % der Altautos
das Land verlassen und an anderer Stelle
verwertet.
Die Schnittstelle zwischen privater und
kommunaler Entsorgungswirtschaft zu ziehen, ist
eine Aufgabe der Zukunft, so Tanja Gönner,
Umweltministerin des Landes Baden-Württemberg.
Sie erklärt unmissverständlich das Ziel,
gemischte Haushaltsabfälle allein den
öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern zu
überlassen. Hierbei bezieht sie ausdrücklich
auch separierte Wertstoff-Fraktionen mit ein.
Den Zusammenhang zwischen Abfallwirtschaft
und Ressourcen- und Klimaschutz stellt Dr.
Helge Wendenburg, Abteilungsleiter im Bonner
Umweltministerium in den Vordergrund. Allein im
Jahr 2005 habe der Einsatz von
Sekundärrohstoffen Rohstoffimporte in Höhe von
3,7 Mrd. Euro ersetzt. Diese Wertschöpfung sei
mit einem Beschäftigungseffekt von ca. 60.000
Personen verbunden gewesen. Rund 46 Millionen
CO2-Äquivalente jährlich konnten durch abfallwirtschaftliche Maßnahmen gegenüber dem
Bezugsjahr 1990 vermieden werden.
Kassel, den 21.04.2009
Prof. Klaus Wiemer Dr. Michael Kern
Universität Kassel Witzenhausen-Institut für
Abfall, Umwelt und Energie
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